Problemgebiet

Die Kanarischen Inseln

Der kanarische Archipel liegt vor Westafrika und gehört zu Spanien. Neben seiner Beliebtheit bei Touristen aus aller Welt haben diese Inseln auch eine besondere Anziehungskraft auf Wale und Delfine: 28 Cetaceenarten, mehr als ein Drittel aller Arten weltweit, wurden hier bereits nachgewiesen, viele davon sind teilweise oder ganz sesshaft.

Problemgebiet1 Hochgeschwindigkeitsfaehre_und_DelfinIm Jahre 1999 wurden Schnellfähren (mit einer Geschwindigkeit von bis zu 25 Knoten bzw. 48 km/h) und Hochgeschwindigkeitsfähren (bis zu 40 Knoten bzw. 75 km/h) für den regulären Verkehr zwischen den Inseln eingeführt. Bereits innerhalb der ersten Wochen nach der Inbetriebnahme waren mehrere Großfähren in Kollisionen mit Walen verwickelt. Bei einem Unfall eines Tragflächenbootes, das zwischen Teneriffa und Gran Canaria verkehrte, wurden zahlreiche Menschen verletzt, einer starb. Der Betrieb dieses Personenfährentyps wurde daraufhin – allerdings erst Jahre später – eingestellt.

Die Ausweitung des Schnell- und Hochgeschwindigkeits-Fährverkehrs ging dennoch ungebremst weiter. Heute kann man vier Typen von Fähren unterscheiden:

  1. Kleine Passagierschnellfähren für bis zu 436 Personen, meist Katamarane maximal 40 Knoten schnell
  2. Große Schnellfähren für bis zu 1200 Personen und 300 Fahrzeuge, maximal 25 Knoten schnell und
  3. Große Mehrrumpf-Hochgeschwindigkeitsfähren, maximal 40 Knoten schnell. Hierzu gehören die auf den Kanaren am häufigsten verkehrenden Katamaranfähren sowie die größte Trimaran-Hochgeschwindigkeitsfähre der Welt (Länge: 142 Meter, bis ca. 1.800 Passagiere plus ca. 300 Fahrzeuge). Die großen Katamarane sind dabei sogenannte „Wellenschneider“, da sie im Gegensatz zu den „Verdrängern“ durch die Wellenkämme hindurch fahren.
  4. Traditionelle, “langsame“ Fähren mit einer Reisegeschwindigkeit von etwa 15 Knoten.

 

Ausmaß des Fährverkehrs

Problemgebiet2Die Abbildung rechts zeigt eine Übersicht über die Fährverbindungen zwischen den Inseln im Jahre 2007. Heute gibt es fast ausschließlich nur nochVerbindungen mit Schnell- oder Hochgeschwindigkeitsfähren. Das erscheint umso erstaunlicher, da die Entfernungen zwischen den Inseln nicht unbedingt groß sind. Zwischen La Gomera und Teneriffa sind beispielsweise nur etwa 40 km zu überwinden. Die Gesamtreisezeit hat sich hier durch die Hochgeschwindigkeitsfähre von ca. 1,5 Stunden auf ca. 50 Minuten verringert. Dennoch, und obwohl sich die Wirtschaftlichkeit dieser Schiffe wegen des enormen Dieselverbrauchs mit den steigenden Ölpreisen stetig verringert, lohnt sich das Geschäft insbesondere mit Blick auf die vielen Tagestouristen, die von Teneriffa nach Gomera kommen. Hinzu kommt, dass die Fährbetreiber nicht unerhebliche staatliche Subventionen bekommen.

Eine Untersuchung von M.E.E.R. e.V. ergab, dass im Jahr 2007 insgesamt etwa 29.000 Strecken zwischen den kanarischen Inseln gefahren worden sind und dabei eine Gesamtstrecke von fast 1,5 Millionen Kilometer zurückgelegt wurde, und dies zu fast 100 Prozent von Schnell- und Hochgeschwindigkeitsfähren. Bei solchen Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass es einen ernsten Konflikt zwischen Tourismusentwicklung und Natur- bzw. Meeresschutz gibt. Das Problem ist indes, dass dieser Konflikt weitgehend auf dem Rücken der Tiere – im buchstäblichen Sinne – ausgetragen wurde. Denn die Zahl der mutmaßlich durch Fähren getöteten Tiere ist dramatisch hoch. Bisher gibt es von offizieller Seite die bestätigte Zahl von 54 durch „Schiffskollision“ getötete Wale oder Delfine (bis 2008). Wissenschaftler von Canarias Conservación, einer  Partnerorganisation desM.E.E.R. e.V., haben allerdings von 1996 bis 2007 insgesamt 556 gestrandete Wale untersucht und bei 59 Fällen (11%) Schiffe als wahrscheinliche Todesursache ausgemacht. Aus den Zahlen geht eindeutig hervor, dass die jährliche Zahl der Kollisionen seit 1999 stark angestiegen ist, dem Jahr als die schnellen Fähren ihren regelmäßigen Betrieb aufnahmen…

 

Zerteilte Pottwale

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHauptbetroffene Walart ist der Pottwal, der eine ortstreue Population auf den Kanaren bildet: Über 40% der getöteten Wale sind Pottwale, meistens Weibchen, Jungtiere oder Kälber. Aber auch ihre nahen Verwandten, die Zwergpottwale sind betroffen, ebenso eine Reihe von Bartenwalen, und darüber hinaus z.B. Schnabelwale, Grindwale und weitere.

So bizarr es klingen mag, aber die hauptverdächtigen Hochgeschwindigkeitsfähren sind bis heute nicht zweifelfrei „überführt“ worden. Obwohl bei zahlreichen Fälle Pottwale gefunden wurden, denen große Teile des Körpers fehlten – einmal ist gar nur ein glatt abgetrennter Walkopf entdeckt worden – bleibt es bis heute schwierig, die Verursacher eindeutig zu bestimmen. Denn selbst bei so eindeutig anmutenden Verletzungen wie denen der Pottwale ist nicht immer gesichert, dass das Tier nicht nach seinem Tod von einem Schiff erfasst wurde – und dies ist auch das gebetsmühlenartig wiederholte Argument der Fährbetreiber. Inzwischenn haben Untersuchungen mit neuen Methoden an der Universität von Las Palmas (Gran Canaria) ergeben, dass sämtliche untersuchten Wale zum Zeitpunkt des zusammenstoßes noch am Leben waren.

Das eigentliche Hauptproblem aber bleibt die Verschwiegenheit. Die Fährunternehmen sind bis dato, auch nach Dutzenden Verdachtsfällen nicht bereit, das Problem also solches anzuerkennen oder auch nur einen Kollisionsbericht abzulegen. Beide Fährbetreiber der Kanaren halten bisher „dicht“, und beide sind einflussreich und mächtig. Ihre Dialogbereitschaft gegenüber Wissenschaftlern, Umweltschutzgruppen oder den zuständigen Ministerien ist minimal. Wenn esZeugenberichte von Kollisionen gibt, werden diese entweder geleugnet oder eben als Unfälle mit bereits gestorbenen und auf dem Meer treibenden Tieren abgetan. Meist sind es daher Fährpassagiere, die von Zwischenfällen berichten (Dabei wird z.B. ausgesagt, dass eine Erschütterung durchs Schiff ging, eine Fähre anschließend zum Stillstand kam und evtl. sogar große Mengen Blut im Wasser gesehen wurden.) M.E.E.R. sind allein im Jahr 2005 drei solche Zeugenberichte zugegangen, keinem davon wurde seitens der Behörden intensiv nachgegangen. Eine Stellungnahme der Reederei reichte teilweise aus, um die Fälle ad acta zulegen.

 

Widerstand regt sich langsam

Bis heute bleibt also unklar, wie viel Wale Problemgebiet4 Manuel_Carrillo_Canarias_Conservaciontatsächlich von Schiffen auf den Kanaren getötet werden. Vor dem Hintergrund der hohen Wal- und Delfindichte im kanarischen Archipel muss allerdings von einer (sehr) hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Denn kaum jemand wird je bemerken, wenn ein Delfin des nachts von einer Fähre erfasst und getötet wird, oder der Körper eines Kleinwals entweder sofort zu Boden sinkt oder bis zum Morgengrauen meilenweit verdriftet.

Die Wissenschaftler sind bisher aber nicht nur in der Bringschuld des Nachweises der Todesursache oder der Berechnung des Kollisionsrisikos, sie laufen den Tatsachen und den daraus resultierenden Gegenmaßnahmen weitgehend hilflos hinterher. Zwar konnten wir auf der Basis der Daten von Canarias Conservación bestimmte Risikogebiete innerhalb der Kanaren identifizieren, doch scheint sich für diese Erkenntnisse keiner so richtig zu interessieren. Die Lobby der Tourismusentwickler und Fährbetreiber scheint wie so oft um ein vielfaches einflussreicher zu sein als Wissenschaftler, Naturschützer und Umweltpolitiker. In gewisser Weise ist das sogar verständlich, denn natürlich sind tote Wale nicht eben etwas, was man als Touristenmekka auf der Titelseite der Tageszeitungen haben möchte.

Widerstand regt sich zwar, aber nur langsam. Neben mehreren kanarischen Forschergruppen, die sich mit der Untersuchung der angespülten Kadaver beschäftigen, legt M.E.E.R. e.V. seit Jahren, den Finger in die Wunde und prangert die Umstände z.B. bei internationalen Konferenzen an. Inzwischen ist das Problem – nicht zuletzt aufgrund dieser Initiative – fest auf der Tagesordnung der Internationalen Walfang Kommission (IWC) verankert. Deren Ship Strike Working Group wird im September 2010 den Workshop veranstalten, der die Schiff-Wal-Kollisionsthematik insbesondere der Kanaren sowie des Mittelmeers in den Fokus rückt. Spätestens danach wird man vermutlich auch auf den Kanaren nicht mehr umhin kommen, sich ernsthaft der Problematik anzunehmen.

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