Weshalb stranden Wale und Delfine auf den Kanaren?

Studie belegt ansteigende Zahl von Kollisionen zwischen Schiffen und Walen

© Volker Boehlke

Berlin, März 2019.

Dieser Frage geht eine aktuelle Studie unter Federführung von Josué Díaz Delgado von der Universität Las Palmas (Gran Canaria, ULPGC) nach. Die Studie beschreibt die pathologischen Befunde sowie die mutmaßlichen Todesursachen von insgesamt 224 Meeressäugern, die von 2006 bis 2012 an den Küsten der Kanarischen Inseln strandeten. Neben natürlichen Todesursachen sowie tödlichen Auseinandersetzungen innerhalb und zwischen den Spezies wurde untersucht, welchen Einfluss Kollisionen mit Schiffen und Fischereiaktivitäten auf die Tiere haben. Bei 208 Individuen konnte eine eindeutige Todesursache festgestellt werden.

Fischereiaktivitäten wirkten sich bei 4,8 %, also zehn der 208 Meeressäuger, tödlich aus. Hierunter fallen sowohl Verletzungen der inneren Organe, als auch äußere Verletzungen durch Fischereiwerkzeuge wie Harpunen sowie Verletzungen durch Beifang. Generell betonen die Autoren, dass Beifang die größte anthropogene Bedrohung für Meeressäuger darstellt: Während kleinere Individuen häufig in den Netzen ersticken, können sich größere Wale und Delfine zwar manchmal wieder befreien, schleppen dann aber u.U. Netze oder Netzteile mit, ziehen sich hierdurch (weitere) Verletzungen zu, die schließlich ebenfalls tödlich enden können. Verglichen mit einer vorangehenden Studie haben die in Verbindung mit Fischereiaktivitäten stehenden Todeszahlen vor den Kanaren allerdings leicht abgenommen.

Díaz-Delgado et al. 2018

Bei 2,4 % der Meeressäuger (5 Tiere) konnte als Todesursache Fremdkörper wie Netze oder Plastikteile nachgewiesen werden, die die Tiere gefressen hatten und in Folge dessen z.B. Magendurchbrüche erlitten. Abfall in den Meeren ist eine große weltweite Problematik, die gravierende Auswirkungen auf die Bewohner der Meere sowie in Folge auch für den Menschen mit sich bringt, was durch diese Studie tragisch verdeutlicht wird.

Bei 24 Tieren (12 %) waren Kollisionen mit Schiffen die Todesursache, mit begleitenden schweren inneren und äußeren Verletzungen. Acht verschiedene Spezies waren hiervon betroffen, insbesondere tief und lange tauchende Arten wie der Pottwal. In dieser Studie waren acht Pottwal-Kälber, zwei Pottwale-Jungtiere und ein erwachsener Wal Opfer der Kollisionen. Es zeigte sich also deutlich, dass insbesondere junge Tiere gefährdet sind. Im Vergleich zu einer vorhergehenden Studie hat der Anteil an Schiffskollisionen bei den Todesursachen gestrandeter Wale weiter zugenommen.

© Manuel Carrillo, Canarias Conservación

Weitere 35 Tiere (17 %) strandeten lebendig und erlitten hierbei schwere Verletzungen. 19 % der Todesfälle sind auf direkte Interaktionen mit menschlichen Aktivitäten zurückzuführen (39 Tiere). 81 Prozent (169 Tiere) stehen in Zusammenhang mit natürlichen pathologischen Ursachen. Bei 49 Tieren wurde Unterernährung festgestellt.

MEER hält die Ergebnisse der Studie für besorgniserregend, insbesondere wegen der Ergebnisse zu Kollisionen. Diese Problematik besteht seit 20 Jahren auf den Kanaren. Der Archipel gilt mittlerweile international als ein Hot Spot für Kollisionen zwischen Schiffen und Walen. Dass es bis dato nach 2 Jahrzehnten keinerlei Maßnahmen gibt, um die Zahl der Zusammenstöße zu verringern, ist ein Armutszeugnis für die spanische bzw. kanarische Umweltpolitik. Seit Jahren mahnen Wissenschaftler und NGOs solche Maßnahmen, wie z.B. Geschwindigkeitsbegrenzungen oder die Umfahrung von Schutzgebieten, an (siehe u.a. Carillo & Ritter 2010). Bisher ist leider nichts davon je umgesetzt worden.

 

Wie aktuell die Thematik ist, zeigt auch die Strandung eines jungen Pottwals vor wenigen Wochen auf Gran Canaria: https://www.teneriffa-news.com/news/gran-canaria/kanaren-pottwal-baby-stirbt-nach-kollision-mit-schiff_11764.html

Hier geht es zur Studie im Original von Díaz-Delgado et al. 2018 (open access):

Díaz-Delgado J, Fernández A, Sierra E, Sacchini S, Andrada M, Vela AI, et al. (2018) Pathologic findings and causes of death of stranded cetaceans in the Canary Islands (2006-2012). PLoS ONE 13(10): e0204444. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0204444

 

Seit vielen Jahren ist das Thema Schiffs-Wal-Kollisionen ein Schwerpunkt des M.E.E.R. e.V.. Sie finden viele weitere Informationen zur  Problemstellung, den Ursachen und Folgen, Lösungsansätzen und Forderungen u.v.m. hier:

https://m-e-e-r.de/forschung/kollisionen/

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