Die russische Wal-Hölle

(c) Christopher Swann

Am 10. November 2019 atmeten Tierschützer und Ökologen der ganzen Welt erleichtert auf. Die letzten Weißwale verließen das Walgefängnis in der Srednjaja Bucht in der Nähe von der Stadt Wladiwostok im Osten Russlands. Die mehr als ein Jahr dauernde Hölle war zu Ende. Genau so viel Zeit verbrachten Weißwal- und Walkälber in engen schmutzigen Becken.

Im November 2018 schockierten die Fotos, die die Drohne über dem Zentrum für die Anpassung der Meeressäuger gemacht hatte, die ganze Welt. Noch nie zuvor und niemand hatte einen solchen Albtraum gesehen. 11 Orcas und 87 Weißwale unter schrecklichsten Bedingungen – ein paar Tiere in engen, mit Eiskruste bedeckten Wassergehegen. Alle sind Jungtiere. Viele sind erst weniger als ein Jahr alt, d.h. sie müssten sich vor Muttermilch ernähren. Solche Babys überleben Gefangenschaft fast nie. Dieses Zentrum mieteten vier russische Walfanggesellschaften „Afalina“, „Oceanarium DV“, „Sotschi-Delphinarium“ und „Weißer Wal“.

Der Orca Kirill starb im Februar 2019. Er war erst ein Jahr alt. Als unabhängige Experten – sie besuchten das Walgefängnis – ihn zuletzt gesehen hatten, bewegte er sich kaum. Seine Haut löste sich mit riesigen Stücken – Anzeichen für eine schwere Infektion und Unterkühlung. Darüber hinaus nahm ihn starker Stress sehr mit. Als Baby entriss man ihn brutal seiner Mutter.

Bei dem Walfang schließt man die ganze Wal-Familie um, wirft Netze und nimmt das Kalb weg. Die Wal-Mutter kämpft bis zum Schluss um das Baby, und ein Teil des Pods stirbt in Netzen. Höchstwahrscheinlich ist auch Kirill‘s Mutter dabei ums Leben gekommen.

Eine Walmutter und ihr Baby haben eine sehr starke emotionale Bindung. Männliche Wale leben schon ihr ganzes Leben lang bei ihrer Mutter. Wenn sie stirbt, kann ihr Sohn eine regelrechte Depression bekommen. Es sind solche Fälle bekannt, wenn sich das Männchen in der Nähe der toten Mutter aufhielt, die Jagd und das Essen einstellte und schließlich starb.

2018 beobachteten Meeresbiologen im Pazifischen Ozean in der Nähe des Staates Washington ein Orca-Weibchen J-35 (Tahlequah). Am 24. Juli brachte sie ein Kalb zur Welt, das innerhalb einer halben Stunde starb. Als das Kleine abzusinken begann, hob die Mutter es an die Oberfläche und trug mit sich. Einige Stunden später kamen sechs weitere Orcas zu der trauenden Tahlequah. Das erinnerte den Wissenschaftlern an ein Begräbnisritual. Auch danach trug die unglückliche Mutter ihr Baby 17 Tage lang 1600 Kilometer weiter. Sie hat weder gejagt noch etwas gegessen. Erst als der Körper zu verwesen begann, nahm Tahlequah ihren Verlust in Kauf. Solche Trauer ist bei Walen und Delfinen nicht selten.

Vermutlich haben der Stress durch die Trennung von der Mutter sowie schlechte Bedingungen im Wassergefängnis Kirill und drei andere junge Orcas getötet. Die Fallensteller behaupten, dass sie alle entkommen sind.

Eine bestimmte Anzahl von Meeressäugern darf in Russland gefangen werden, und zwar nur für wissenschaftliche, kulturelle und Bildungszwecke. Sind Delfinarien für diesen Zweck geeignet? Schwer zu glauben.

„Lächelnde“ Delfine springen auf Kommando aus dem Wasser, werfen einander einen Ball zu und führen lustige Tricks aus. Kinder quietschen vor Freude. Mamas und Papas sind glücklich. Die Besitzer der Delfine machen Kasse und erklären zynisch, dass die Tiere freiwillig handeln und sich amüsieren. „Freiwillig“ heißt: kein Trick – kein Essen. Die Hartnäckigsten werden bestraft. Die Besucher sehen „lächelnde“ Delfingesichter, hören lustige Musik und glauben an solche Lügen.

Aber fragen sie sich, wie die Tiere dorthin kommen? Wie die Bedingungen sind, unter denen sie leben? Das Becken ist 12-14 Meter tief. Reicht es für einen 8-10 Meter langen Orca oder für einen 6 Meter langen Beluga? Und was ist mit Hygiene? Dieses Problem wird einfach gelöst – durch Chlor oder ähnliche Zusätze im Wasser. Die Tiere können davon Augen- oder Hautleiden bekommen. Nicht selten sterben sie an Lungenentzündung oder Infektionen.

Heute leben 59 Orcas in Delfinarien auf der ganzen Welt. Die meisten haben Probleme mit Zähnen, denn durch den Stress nagen viele an den Wänden oder Gattern der Becken und reiben dabei ihren Zahnschmelz ab, der Nervenbahnen schützt. So entsteht ein direkter Weg zur Infektion[1].

Im Januar 2019 starb im Delfinarium in Orlando der Schwertwal Kayla. Sie war erst 30 Jahre alt. In der freien Bahn wäre sie 50-80 Jahre alt geworden. Kayla ist der einzige Wal, der so lange im Gefängnis überlebt hat. Von den in Gefangenschaft geborenen hat noch keiner die 30-Jahres-Linie überschritten. In den letzten 40 Jahren wurden nur 70 Wale in Gefangenschaft geboren. 37 von ihnen sind bereits tot. Weitere 30 wurden tot geboren oder starben im Mutterleib[2].

(c) Fabian Ritter

Fabian Ritter, Vorsitzender von MEER e.V., zur Frage Warum sollte man nicht Delfine in Delfinarien halten?

„Wenn man sieht, wie wild lebende Delfine in einer Gemeinschaft leben, wie extrem mobil und schnell sie in einem Lebensraum unterwegs sind, der keine Grenzen kennt, dann wird einem sofort klar: Wenn man Delfine in Gefangenschaft kann nicht artgerecht sein. Denn sie schwimmen in freier Wildbahn am Tag locker Dutzende, und manchmal hundert Kilometer, und sie könne jederzeit so tief tauchen wie sie wollen. Vor allem leben sie in komplexen sozialen Systemen. Sie haben Selbstbewusstsein und stellen Individuen mit Persönlichkeiten dar. Ich bin der Meinung, Delfinarien haben keinen Sinn für die öffentliche Bildung. Menschen gehen nicht dorthin, um etwas über die Tiere zu lernen. Sie wollen Spaß haben und eine spektakuläre Show sehen. Was man in Delfinarien sieht, sind keine Delfine. Es sind Individuen, die irgendwie in einem menschlichen Kontext in einer gewaltsamen Umgebung klarkommen. Sie kennen ihre Artgenossen nicht. Sie befinden sich in einer Gemeinschaft von Tieren, die aus ganz anderen Gegenden kommen und mit denen sie nicht aufgewachsen ist. Keine natürliche Nahrung, kein Sonnenlicht, keine Strömung – all das, was das Meer ausmacht.“

Eine Orca-Familie besteht aus einem älteren Weibchen und ihren Jungen. Wie man jagt, überlebt, Gefahren vermeidet – das lernen sie von ihrer Mutter und anderen Verwandten. Die Familien sind oft in großen Clans mit bis zu 150 Tieren vereint. Sie jagen gemeinsam, freunden sich mit einigen an und kämpfen mit anderen. Familie und Freundschaft ist für sie essenziell. Orcas bleiben oft in der Nähe von sterbenden Artgenossen.

In China herrscht zurzeit ein Delfin-Boom. In 76 Walgefängnissen leiden Meeressäuger, und 25 weitere sind im Anmarsch. Genau da erwartete man die Orcas und Weißwale aus Russland. Die Gewinne der Fänger sind erstaunlich. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Schwertwal 3 bis 3,5 Millionen Dollar, ein Weißer Wal – 150,000 Dollar. Vergessen wir nicht, dass insgesamt schon über hundert Tiere im russischen Walgefängnis schmachteten! Die Hauptlieferanten für chinesische Delfinarien sind Russland und Japan. In Russland ist es verboten, Jungtiere zu fangen. Gegen die vier Unternehmen von wurde ein Strafverfahren unter dem Artikel „illegaler Fang von Meeressäugern“ eingeleitet. Die Geldstrafe beträgt 150 Millionen Rubel.

2020 erlaubte der russische Föderale Dienst für Aufsicht im Bereich der Naturnutzung (Rosprirodnadzor) den Fang von Weißwalen und Orcas nicht. Dank des Rummels, den Aktivisten und Tierschützer auslösten, entgingen die Orcas und Weißwale einem schrecklichen Schicksal in Delfinarien. Sie verbrachten jedoch lange Zeit ohne ihre Artgenossen.

Das kleinste Orca-Weibchen Alexandra wurde am 16. Juli in das Ochotskische Meer freigelassen. Ihre beiden Käfigkameraden schwammen weiter ins Meer, und sie blieb in der Küstennähe und bettelte bei Fischern um Nahrung. Sie konnte offenbar nicht selber jagen. Zur Erleichterung der Spezialisten nahmen andere Gefangene des „Walgefängnisses“ – die Orcas Zoja, Tichon und Gaika – sie in ihre Gruppe auf. Die Spezialisten überwachen das Schicksal der freigelassenen Tiere mit Hilfe von Satellitenmarken an den Flossen. Sie hoffen, dass die freigelassenen Tiere ihre Familien wiederfinden, was aber keinesfalls vorausgesetzt werden kann.

Was Wissenschaftler in letzten Jahrzehnten über Wale und Delfine erfahren haben, bringt uns dazu, unsere Einstellung zu verändern. Anhand von und Hirnstruktur und -größe kann man sie mit unseren nächsten Verwandten – Primaten – vergleichen. Sowohl wir als auch Wale haben im Verhältnis zu unserem Körper ein ungewöhnlich großes Gehirn.

Das relativ große Hirn ist ein Vorteil für intellektuelle Entwicklung. Ihre Hirnrinde – sie ist für höhere kognitive Fähigkeiten verantwortlich – hat sehr viele Furchen und Windungen, genauso wie bei uns Menschen. Die Bereiche ihres Gehirns, die Emotionen verarbeiten, sind ausgeprägt[3]. Wale und Delfine sind intelligente, emotionale und sensible Individuen.

Obwohl Orcas keine Bücher schreiben oder über Philosophie sprechen, haben sie ihre eigene Kultur – Wissen, das sie an andere weitergeben. Jede Walfamilie hat ihre eigenen Fressgewohnheiten. Einige jagen Lachs, andere Robben. Sie alle haben speziellen Jagdstrategien. Sie kommunizieren aktiv miteinander über große Entfernungen. In ihren Signalen haben Wissenschaftler mit Hilfe mathematischer Algorithmen Strukturen – so wie der Syntax der menschlichen Sprache – gefunden.

Das Beste, was Menschen für diese erstaunlichen Tiere tun können, ist ihnen zu erlauben, ihr freies und ungestörtes Leben zu leben.

Inna Vorobei

[1] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0003996917303138?via%3Dihub

[2] https://www.nationalgeographic.de/tiere/2019/03/alles-fuers-entertainment-die-tortur-gefangener-orcas

[3] Marino L. Dolphins brains: An Alternative to Complex Intelligence in Primates 2015 https://youtu.be/y-x9NgnZrdI

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