Ehrung der Wale vor Teneriffa als „Weltkulturerbe“

erstellt am 3.02.2021

Die schönste Augenwischerei

Wie berichtet wird, ist das Meeresgebiet im Südwesten vor Teneriffa als „Weltkulturerbe für Wale“ ausgewiesen worden. Nachdem es bereits als Natura-2000-Schutzgebiet der EU etabliert, dann zum Parque Marina de los Cetaceos (Naturpark für Wale) erkoren und zuletzt als Hope Spot von Sylvia Earles Organisation Mission Blue deklariert wurde, nun also die nächste Würdigung der einzigartigen Wal- und Delfinvorkommen vor der Insel. Das ist eigentlich ein Grund, sich zu freuen. Denn die erhöhte Aufmerksamkeit kann dazu führen, dass man diesem außerordentlich Naturschatz zukünftig besonderen Schutz angedeihen lässt.

Doch die Wirklichkeit sieht leider ganz anders aus: Das Gebiet gehört zu den am meisten durch Tourismus übernutzten Gegenden der Welt. Täglich fuhren hier (bis die Corona-Krise zuschlug) dutzende Walbeobachtungsboote von morgens bis abends kreuz und quer. Hinzu kommen unzählige Ausflugsboote, private Segler, Motorjachten, Jetskis usw. Aus zahlreichen legalen und illegalen Abflussstellen laufen (oft ungeklärte) Abwässer in den Ozean. Es treibt jede Menge Müll im Meer, oder er liegt bereits auf dem Grund. Und zu all dem kommt – als das allergrößte Übel – das dichteste Verkehrsnetz von Hochgeschwindigkeitsfähren der Welt.

Insofern standen die Wale und Delfine vor Teneriffa bis zur Corona-Krise unter massivem Druck durch unregulierten Walbeobachtungstourismus, Umweltverschmutzung und die ständige Gefahr, von Schiffen überfahren zu werden. Effektive Maßnahmen zu ihrem Schutz? Sinnhafte Regulierung der Walbeobachter? Geschwindigkeitsbegrenzung für Schnellfähren? Fehlanzeige! Das Einzige, was den Walen und Delfinen in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich eine echte Verschnaufpause ermöglicht hat, ist vermutlich die aktuelle Pandemie, die den Tourismus auf den Kanaren (tragischer Weise!) praktisch zum Erliegen brachte.

Die Regierung der Kanaren und spanische Regierung in Madrid haben bisher zu wenig dafür getan, dass die Grindwale, Pottwale und 28 weitere Wale und Delfinarten vor den genannten Bedrohungen bewahrt werden. Man gewinnt den Eindruck, dass die Entscheidungsträger nur eines besonders gut können: schöne Worte für eine unschöne Situation finden.
So spricht die Aussage des Geschäftsführes von Turismo de Tenerife, David Pérez, zur jetzigen neuen Auszeichnung Bände: Kein Wort über die Schutzwürdigkeit des Meeres, aber eine deutliche Betonung des positiven Effekts auf den Tourismus und der „nachhaltigen Bewirtschaftung mariner Ressourcen“. Besser kann man eigentlich nicht auf den Punkt bringen, wie nutzungsorientiert man die Sache auf den Kanaren sieht… Als wäre nicht hinlänglich bekannt, dass der Tourismus im Südwesten von Teneriffa ein ausgesprochenes Negativbeispiel für die gesamte Branche darstellt. Und als seinen 1,4 Millionen Walbeobachtungstouristen in 2019 noch nicht genug. Touristen, von denen wohl gemerkt die wenigsten an einer naturkundlichen Exkursion teilnehmen, sondern während der vor Teneriffa üblicherweise kaum mehr als 2 Stunden dauernden „Walbesichtigungstouren“ nur spärlich Informationen zu den Tieren und ihrem Lebensraum erhalten, aber reichlich mit Musik, Alkohol, Piratenshows und sonstigen Extras bespaßt werden. Nach wie vor gilt das Whale Watching vor Teneriffa als eines der schlechtesten Beispiele der Welt. Da helfen alle schönen Worte und internationale Ehrungen nichts.

Taten statt Worte, das muss die Devise sein. Die Covid-Krise setzt den Kanarischen Inseln enorm zu. Jetzt wäre angezeigt, nicht eine „Zurück-zur-alten-Normalität“-Einstellung an den Tag zu legen, sondern kreativ neue Wege zu ersinnen und zu gehen, wie der Tourismus auf neue Beine gestellt werden kann. Weg vom stupiden Massentourismus, hin zu ökologischer Nachhaltigkeit – auch beim Whale Watching! Es braucht eine Politik, die, statt wieder dem Tourismus – und damit dem Menschen – den Vorrang einzuräumen, endlich diesen wundervollen Geschöpfen Gutes tut. Längst und hinlänglich ist bekannt, was zu tun ist, um den Risikofaktoren Kollisionen, Vergiftung und Stress für die Tiere zu begegnen.

Wir von M.E.E.R. arbeiten – so wie eine ganze Reihe engagierter Wissenschaftler und Umweltschützer – seit über 20 Jahren für eine Regulierung des Schnellfährenverkehrs und die Umsetzung wirkungsvoller Meeres-Naturschutzmaßnahmen auf den Kanaren.

Denn wenn ein Gebiet als „Weltkulturerbe für Wale“ (eine inoffizielle Kategorie der Organisation WCA) anerkannt wird, sollten vor allem diejenigen davon profitieren, denen diese Auszeichnung gewidmet ist: die Wale selbst!

Quelle: https://teneriffa-aktuell.com/teneriffa/weltkulturerbe-fur-wale/

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